Über Liebe, Natur und Erich Fromm | Wie wir lernen, wirklich zu lieben
- Olivia Köhler

- 12. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Liebe ist mehr als ein Gefühl – sie ist eine Praxis der Beziehung zu uns selbst, zu anderen und zur lebendigen Welt. Inspiriert von Erich Fromm´s Verständnis von Liebe als Kunst erkundet dieser Artikel, wie Naturverbindung, Biophilie und systemische Naturtherapie uns lehren können, wirklich und verkörpert zu lieben.

Als systemische Naturtherapeutin, Retreatleiterin und Gründerin von Kailo Nature Therapy begleite ich Menschen in Wälder, Wüsten und ans Meer – nicht nur, um zu ruhen, sondern um sich daran zu erinnern, wie wir lieben. Meine Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von systemischer Therapie, verkörperter Praxis und ökologischem Bewusstsein, und sie führt mich immer wieder zu derselben Frage:
Wie lernen wir zu lieben – wirklich –, wenn sich die Welt so fragmentiert anfühlt?
In der Stille des Waldes, am Rand des Ozeans oder in der Ruhe eines Retreats wird diese Frage mehr als philosophisch. Sie wird praktisch: Wie lieben wir uns selbst, einander und die lebendige Welt auf eine Weise, die nicht romantisch, sondern real ist, nicht abstrakt, sondern verkörpert und greifbar?

In unserer heutigen Welt sehnen sich viele Menschen nach echter Verbindung
In unserer schnellen, digitalisierten Welt fühlen sich viele Menschen überfordert, einsam oder innerlich entfremdet – nicht nur voneinander, sondern auch von der Natur und von sich selbst. Wir sehnen uns nach Verbindung nicht nur zu anderen Menschen, sondern auch zu unserem eigenen Körper, zur lebendigen beseelten Welt und zu einem sinnvollen Leben, das sich wirklich lebendig anfühlt.
In meiner Arbeit begegnen diese Sehnsüchte einem sehr einfachen Gefäß: Aufmerksamkeit.
Wenn wir langsamer werden, Naturräume betreten und unsere Aufmerksamkeit nach innen richten, schaffen wir Raum für etwas Tieferes als Ablenkung oder Leistung. In diesem Raum können wir beginnen, Liebe so zu praktizieren, wie Erich Fromm sie beschreibt – als gelernte, verkörperte Kunst statt als flüchtiges Gefühl.
Liebe nach Erich Fromm – eine aktive Praxis
In Die Kunst des Liebens (1956) beschreibt Erich Fromm Liebe nicht als zufälliges Produkt von Hormonen oder romantischen Verstrickungen, sondern als eine Kunst, die wir lernen und üben können – und durch die wir wachsen. Für Fromm gilt diese Kunst nicht nur für Beziehungen zwischen Menschen, sondern auch dafür, wie wir uns zur lebendigen Welt um uns herum verhalten.
Er beschreibt Liebe als eine Haltung, die aus vier miteinander verbundenen Elementen wächst:
Fürsorge – ein aktiver Wunsch nach Wachstum und Wohlbefinden dessen, was wir lieben
Verantwortung – die Bereitschaft, auf die Bedürfnisse und Verletzlichkeit des Anderen zu antworten
Respekt – den Anderen als autonomes Wesen zu sehen, nicht als Objekt unseres Begehrens
Wissen & Verstehen – die Bereitschaft, den Anderen wirklich kennenzulernen, einschließlich seiner Schatten und Widersprüche

In meiner Arbeit zeigt sich dies in der Art und Weise, wie wir mit Beziehungen umgehen:
Verbindungen werden bewusster, wenn wir lernen, uns selbst klar wahrzunehmen und klare Grenzen zu setzen. Das bedeutet auch, uns unseren eigenen Rhythmen zuzuwenden, statt uns vom Körper zu trennen. In Beziehung zur Natur heißt das, zu lernen, auf das zu hören, was das Land, das Wetter oder die Jahreszeit von uns erbitten.
Für viele ist Liebe heute noch immer mit Romantik, Leidenschaft oder Sicherheit verbunden. Fromm lädt uns ein, etwas anderes zu sehen: Echte Liebe bedeutet, in uns selbst hineinzuwachsen, unsere Grenzen anzuerkennen, in Klarheit zu stehen und dennoch offen und nah mit anderen zu bleiben.
Nähe entsteht, wenn wir mutig auftauchen, statt uns zu verstecken oder perfekt erscheinen zu wollen. In unserer Beziehung zur Natur bedeutet das, Landschaften, Pflanzen und Wetter ohne Performance zu betreten, uns in unserer Verletzlichkeit sehen zu lassen und uns von der Wildheit der lebendigen Welt berühren zu lassen.
Liebe wird greifbar durch kleine, wiederholte Entscheidungen: Akte der Fürsorge, des Zuhörens und der Ehrlichkeit. Mit der Natur nimmt das die Form täglicher Gesten der Aufmerksamkeit an: wahrnehmen, schützen und pflegen, ebenso wie Raum zu lassen, wo menschliches Eingreifen nicht die erste Antwort ist.
In der systemischen Naturtherapie und in meinen naturbasierten Retreats wird genau das sichtbar: Verletzlichkeit ohne den Verlust von Freiheit und Liebe, die sowohl zwischen Menschen als auch mit der lebendigen Welt praktiziert wird.
Biophilie – Liebe zum Lebendigen
Der Begriff "biophilia" stammt von Erich Fromm und wurde von Biophilosophen wie Andreas Weber weiterentwickelt. Biophilie bedeutet eine leidenschaftliche Liebe zum Leben und zum Ganzen – nicht nur zu einzelnen Menschen, sondern auch zu Pflanzen, Tieren, Landschaften, Ökosystemen und zu unserer eigenen körperlichen, verkörperten Natur.
Wenn ich draußen bin, wird diese Erfahrung greifbar. Beim Gehen durch den Wald, am Meer oder in die Wüste spüren wir, wie wir Teil eines größeren Ganzen sind. Natur verlangt weder Leistung noch Perfektion; sie bittet nur um Aufmerksamkeit. Wenn wir schauen, hören und fühlen, treten wir in einen Moment tiefer Verbundenheit ein, der uns erdet und zugleich unser Gefühl von Zugehörigkeit erweitert.
Biophilie ist kein abstraktes Konzept; sie ist eine Praxis. In diesen Räumen erinnern wir uns langsam daran, dass sich unsere eigene Lebendigkeit im Wind, in den Bäumen, in den Wellen und in der Stille zwischen uns spiegelt. Hier ist die „lebendige Welt“ nicht nur eine Metapher, sondern eine spürbare, beseelte Realität, mit der wir gehen.

Liebespraxis – eine kleine Übung für dich
Hier sind ein paar inspirierte Einladungen:
Naturbegegnung als Liebespraxis: Gehe bewusst in die Natur – ohne Handy, nur du, einfach mit Aufmerksamkeit. Nimm wahr, wie die natürliche Welt auf dich wirkt, und drücke innerlich oder laut Worte des Dankes oder der Fürsorge aus, oder finde eine kleine Geste, die sich für dich stimmig anfühlt.
Love Journal: Schreibe auf, was du an dir selbst und in deinen Beziehungen wertschätzt – ebenso wie das, was du noch lernen möchtest. Fromms Punkt bleibt klar: Liebe ist eine Kunst, und Kunst wird geübt.
Diese kleinen Schritte mögen einfach erscheinen, doch sie schaffen Öffnungen. In ihnen übersetzen wir Fromms Philosophie langsam in körperliche, sinnliche und relationale Wirklichkeit.
Verbinde dich mit deiner äußeren und inneren Natur bei einem meiner Events und Retreats oder tauche in einer 1:1 Begleitung tiefer.




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